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Einmal Hans mit scharfer Soße

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Mein Name ist Hatice. Ich bin Türkin mit deutschem Pass, für Politiker ein Paradebeispiel einer gelungenen Integration, für deutsche Männer die verbotene, exotische Frucht und für deutsche Frauen der Grund, ihre Haare zu hassen. In einer Kontaktanzeige könnte ich mich als „rassige Südländerin mit feurigem Temperament und einem äußerst gebärfreudigen Becken“ beschreiben. Und nein, mein Name bedeutet übersetzt nicht die „unter der Morgendämmerung aufgehende, mit Tau benetzte Sonnenblume von den Hügeln Anatoliens“. Mein Name hat keine Bedeutung. Oder er bedeutet zumindest auch nicht mehr als Helga oder Nicole.

Die erste Frau unseres Propheten Mohammed hieß Hatice, sie war die erste Muslimin. Ein Perser, der mich einmal in einer Berliner Bar rumkriegen wollte, erzählte mir, dass mein Name so viel bedeutet wie „die Frau, der man nicht widerstehen kann“. Zu Hause googelte ich das zur Sicherheit nach und fand heraus, dass „die Frau, der man nicht widerstehen kann“ ganz anders klingt und der Perser vielleicht gerne poetischen Blödsinn erzählt, aber mich damit noch lange nicht aufs Kreuz legen kann.

Ich bin Journalistin, das heißt, ich arbeite viel, habe wenig Geld und noch weniger Zeit. Ich trage kein Kopftuch und bin nicht zwangsverheiratet, weswegen ich noch immer keinen Ehemann habe. Ab und zu fahre ich in den Urlaub, meistens in die Türkei, wo meine Eltern ein Ferienhaus besitzen und meine Verwandtschaft mich mit den Worten zu begrüßen pflegt: „Hast du jetzt endlich einen Hans gefunden?“ Wenn meine Familie gerade nicht in der Türkei ist, besuche ich sie regelmäßig in Duisburg, wo sie auch ein Haus besitzt und mich alle jedes Mal mit genau denselben Worten empfangen: „Hast du endlich einen Hans gefunden?“

Hans und Helga heißen alle Deutschen bei uns Türken. Und es ist klar, dass Hans ein braver „Brötchenholer“ ist. Zu seinem ersten Date kommt er gerne auf dem Fahrrad, mit buntem Fahrradhelm und Hosenschutz. Mit seinem eierförmigen Helm, dem eingezogenen Kopf und den strampelnden Beinen sieht er ein wenig aus wie eine Kröte auf Wanderung. Die hochgebundene Hose, die käsigen Beine und die Druckstelle, die der Helm auf seiner Stirn hinterlassen hat, zerstören jegliche Lust auf ihn, und man bekommt unweigerlich panische Angst davor, Hans ganz ohne Hose sehen zu müssen. Wenn der Kellner beim Zahlen fragt, zusammen oder getrennt, dann antwortet Hans höflich und korrekt – und allenfalls mit einem verschämten Seitenblick auf Helga – getrennt.

Helga wiederum würde niemals zum Friseur gehen, einfach nur um sich die Haare fönen zu lassen. Sie trägt keine Absätze, die höher sind als vier Zentimeter, und was der perfekte Bogen einer gezupften Augenbraue ist weiß sie auch nicht. Sie ist aber sehr interessiert daran, es zu erfahren. Und man kann den ganzen Abend beieinander sitzen und herrlich mit Hans und Helga diskutieren.

Hans, das wissen wir auch, führt seinen Hund Gassi und sammelt dessen Kothäufchen in einer Tüte zusammen. Seine Möbel baut er nach Aufbauanleitung zusammen und arbeitet dabei überlegt und aufmerksam. In seinem Werkzeugkoffer lagert immer das passende Gerät, und falls es ein Problem gibt, fährt er mit dem Möbelstück zurück zum Verkäufer, beschwert sich über die mangelhafte Anleitung und verlangt eine Lösung für das Ärgernis.

Fatma, eine meiner Schwestern, die seit ihrer Hochzeit in der Türkei lebt, versteht überhaupt nicht, warum ich auf deutsche Männer stehe. „Warum tust du dir das bloß an?“, ruft sie ins Telefon, während sie auf ihrem Balkon in Izmir sitzt und Tee trinkt. Es gibt so vieles, worüber Fatma nur den Kopf schüttelt. Zum Beispiel, wenn ich ihr von meiner täglichen Ration Vollkornbrot erzähle oder von meinen deutschen Freunden und ihren Familien, die sich nur an Weihnachten sehen. Oder davon, dass jeder sein eigenes Leben lebt und wir alle unsere eigene Wohnung haben. „Fühlst du dich nicht einsam?“, fragt sie mich dann besorgt. Ich erkläre ihr, dass ich viel arbeite und froh bin, wenn ich abends einmal niemanden sehen muss. „Du machst etwas falsch“, sagt sie, wenn sie meine müde Stimme hört. Natürlich mache ich etwas falsch. Ich versuche, in zwei Welten gleich gut zurechtzukommen, die sich einfach nicht unter einen Hut bringen lassen. Ich verstehe mich ja selbst nicht, wenn ich gerade wieder einmal aus der Türkei nach Berlin zurückgekehrt bin und schlaflose Nächte verbringe, weil mir eine Freundin dort düstere Prognosen aus dem Kaffeesatz gelesen hat.

Ich hatte meinen türkischen Mokka noch nicht ausgetrunken, als sie mir mein goldenes Tässchen schon aus der Hand riss und den Satz auf die Untertasse stülpte. Dann beugte sie sich nach vorn, ließ ihre zehn Finger knacken und sagte bedeutungsschwanger: „Schauen wir doch mal, was dir die Liebe so bringen wird.“ „Ach, eigentlich möchte ich das gar nicht wissen“, sagte ich vorsichtig.

„Oh, du hast ein paar Sorgen, aber die wirst du bald loswerden „, meinte sie unbeirrt. „Ich sehe es, weil sich fast der ganze Kaffeesatz vom Rand der Tasse gelöst hat. Es wird einen Wendepunkt in deinem Job geben. Ich sehe zwei Konkurrenten. Ein kräftiger Mann wird verschwinden und deinen Weg nach oben freimachen.“ „Klasse“, dachte ich. „Vielleicht ist ja was dran?“ „Du wirst einen großen Mann treffen, einen deutschen Hans, bei dem wirst du aber nicht lange bleiben.“ „Ich will aber bei ihm bleiben“, flehte ich. „Du wirst einen kleinen Mann kennen lernen und mit ihm einen Sohn zeugen“, las sie mit großer Entschlossenheit weiter. „Halt, stopp, geh zurück zu dem großen Mann, ich stehe auf große Männer. Auf große, blonde, blauäugige Männer. Außerdem wünsche ich mir eine Tochter“, schrie ich und versuchte ihr die Tasse aus der Hand zu reißen. „Das Schicksal kann man nicht austricksen“, lächelte sie geheimnisvoll. Dann drehte sie rasch ihre eigene Tasse um, blickte nur ganz kurz in den Kaffeesatz, sah aus dem Fenster, wo am Horizont gerade die Sonne unterging und die Fischerboote am Ufer in goldgelbes Licht tauchte, und schmunzelte zufrieden in sich hinein.

Trotzdem bleibe ich meinen Vorlieben treu. Meine Freundinnen in der Türkei behaupten, ich sei schon fast wie eine Deutsche. „Du hast ein frostiges Herz, wo ist nur deine Sinnlichkeit und Leidenschaft hin?“, fragen sie mich. „Du kannst die größte Karriere machen, die schönste und reichste Frau sein, doch wenn du keine Liebe und Wärme für einen Mann empfindest, bist du keine richtige Frau.“ Sie sagen, eine türkische Frau sei warm und weich. Sie sei wie ein Seidentuch, das man hochwirft und das in weichen Wellen wieder heruntergleitet. Sie sei stark und robust und könne alles vereinen: Familie, Kinder und Karriere, ohne dabei ihre weibliche Seite zu verlieren.

Wie würden wohl meine türkischen Freundinnen meine deutschen Freundinnen finden, die in ihren Designer-Hosenanzügen, mit streng zurückgekämmten Haaren und unterdrücktem Babywunsch in den Chefetagen tagtäglich ihren Mann stehen müssen, wenn schon ich für sie meine Weiblichkeit verloren habe?

Die Türken nennen die Deutschen „hirsl?“, die Ehrgeizigen. Sie bewundern sie für ihre Zielstrebigkeit und Konsequenz, sehen aber auch den Preis, den Hans und Helga dafür zahlen müssen. Die beiden müssen sich entscheiden, klar und eindeutig: entweder Kinder oder Beruf. In der Türkei bekommt man die Kinder, egal ob man berufstätig ist oder nicht. Es ist ja auch immer noch die Großfamilie da, die sich freut, endlich wieder kleine Kinder beaufsichtigen zu dürfen.

Den richtigen Hans habe ich übrigens noch nicht gefunden. Ein Hans, der leidenschaftlich wäre und galant genug, mir beim ersten Date – wie in der Türkei üblich – die Autotür aufzuhalten, ein Hans mit scharfer Soße sozusagen, ist mir noch nicht begegnet. Und türkische Männer trauen sich nicht mehr in meine Nähe. Seither bin ich das Sorgenkind meiner Familie.

Sie kennen meine Familie noch nicht? Dann kommen Sie und setzen Sie sich, und vergessen Sie nicht, etwas zu essen mitzubringen, denn das macht man so bei uns. Und stellen Sie sich auf einen langen und vergnüglichen Nachmittag ein! Ich entführe Sie in ein Deutschland, das Sie unter Garantie noch nicht kennen. Ein Land mit Geschichten aus 1001 Nacht mitten im Ruhrpott, denn dorthin ist mein Vater, ein Landwirt aus Anatolien einst gezogen, um hier zu arbeiten. Man könnte beinahe sagen, wir sind eine ganz normale türkische Gastarbeiterfamilie in Deutschland. Aber stellen Sie sich auf eine lange Reise ein, denn es geht um so etwas wie den Eintritt in ein anderes Universum. Ach ja, und noch etwas: Auch wenn sonst niemand mehr daran glaubt – ich werde meinen Hans schon noch kriegen, und dann werde ich viele Töchter mit ihm haben, und er wird die Autotür aufhalten und mich ins Restaurant einladen (und ich war natürlich extra beim Friseur, nur um mir die Haare fönen zu lassen). Und am nächsten Morgen wird er zum Frühstück Zeitung und Brötchen holen!


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Mokkagläser mit Goldrand

Darf ich Ihnen meine Familie vorstellen? Da ist mein Vater, der mit seinen grünen Augen nicht einmal türkisch aussieht, dafür aber zu jeder Jahreszeit seinen Grill im Garten aufstellt. Er wäre zu gern der Patriarch im Haus, aber vier Töchter, sechs Enkelinnen und seine anatolische Vollblutehefrau bieten ihm keine allzu großen Entfaltungsmöglichkeiten in dieser Rolle.

Mein Vater ist voller Sehnsucht nach seinem Zuhause – je nachdem, wo er sich gerade aufhält. Ist er in Deutschland, jammert er über das schlechte Wetter, die wässrigen Tomaten oder die entseelten Deutschen, und ihn packt regelmäßig der Wunsch, in die Türkei aufzubrechen. Die kennt mein Vater aber mittlerweile nur noch im Sommer. Den Winter verbringt er in Deutschland, weil in seinem Haus in Duisburg die Zentralheizung besser funktioniert. Hier schwärmt er vom blauen Meer und der fruchtbaren Erde seines Gartens, er sehnt sich nach dem Gebetsruf des Muezzin, dem Geruch der Basare, und er vermisst die Herzlichkeit der Menschen, mit denen er stets ein Schwätzchen auf der Straße halten kann.

Kaum ist er in der Türkei angekommen, beschwert er sich über die schlechten Autos, die korrupten Behörden, Stromausfälle und das miserable türkische Gesundheitssystem. Die Sehnsucht nach Deutschland überwältigt ihn, und er fiebert seiner Krankenkassen-Chipkarte und seinem Mercedes entgegen.
Niemals würde mein Vater ein anderes Auto fahren als einen Mercedes. Er war schon immer qualitätsbewusst, was seine Fortbewegungsmittel angeht. Er stieg in unserem anatolischen Dorf Akp?nar Köyü vom Pferd, kam nach Deutschland und kaufte sich sehr schnell einen nagelneuen Mercedes. Alle vier Jahre wechselt er ihn gegen ein neues Modell aus. Das Einzige, was sich ändert, ist die Farbe.

Meine Mutter hingegen ist, was die Frage nach ihrem Zuhause anbelangt, etwas unkomplizierter als mein Vater. Solange es genügend türkische Gemüsehändler, Metzger und Supermärkte gibt, wo sie Lebensmittel für ihre zahlreichen Mahlzeiten erstehen kann, ist es ihr egal, in welchem Land sie sich gerade aufhält. Nur manchmal vermisst sie den Aldi, wenn sie zu lange in der Türkei war.

Es gibt zwei Gesetze, die bezüglich meiner Mutter bei uns ohne Ausnahme gelten: Nur sie darf auf dem Beifahrersitz des Mercedes sitzen, und sie hat immer Recht. Hat sie Unrecht, hat sie trotzdem Recht, und niemand in der Familie würde auf die Idee kommen, ihr zu widersprechen. Sobald man sie kritisiert, ziehen sich Zornesfalten auf ihrer Stirn zusammen, sie bäumt sich auf und klagt mit bebender Stimme: „Ich habe dich neun Monate in meinem Bauch getragen, habe dir sechs Monate die Brust gegeben, du warst von meinen sechs Kindern das schwierigste, ist das der Dank für all meine Strapazen?“

Ihre Augen werden ganz klein, und sie zieht sich gekränkt in eine Ecke des Sofas zurück. Dann muss man sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie großartig sie sei und dass nur unter ihren Füßen das Paradies liegt. Aber für seichte Worte ist meine Mutter nicht immer empfänglich. Sie macht es uns nicht einfach, da ist sie sehr türkisch. In dieser verfahrenen Situation hilft nur noch die höchstmögliche Anerkennung für die Leistungen einer türkischen Mutter: ein demütiges Verhalten und das Versprechen, dass man sie in Zukunft immer zum Einkaufen fahren wird. Manchmal reicht auch das nicht für eine Versöhnung aus, so dass der türkische Vater eingreifen muss, der sie davon überzeugt, dass die ganze Familie ohne sie verloren wäre. Erhebt sie sich und geht murmelnd in die Küche, sind das Zeichen dafür, dass ihr Zorn langsam verraucht.

Neben solchen harmlosen Zänkereien gibt es Situationen, in denen meine Mutter hochgeht wie eine zu früh gezündete Bombe. Und niemand weiß genau, warum. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem mein Vater in die Moschee gegangen war. Meine Mutter und ich wollten mit der Straßenbahn zum Einkaufen fahren. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg und kamen dabei an einer Baustelle vorbei. Zwei Bauarbeiter standen in der Grube und hantierten mit schwarzen Kabeln. Meine Mutter zog mich am Ärmel weiter. Da pfiff einer der Männer hinter uns her. Meine Mutter ließ meinen Arm los, lief die fünf Meter zurück, zog vor der Grube ihren rechten Schuh aus und schrie: „Du Ascheloche, du Schiweine!“ Dann hieb sie den beiden Jungs ihre Deichmann-Gummisohlen auf den Kopf. Sie zog den Schuh wieder an und ging mit mir zur Haltestelle, als sei nichts gewesen.

Die Männer in der Grube strichen sich mit der Hand über den Kopf und starrten meiner Mutter und mir mit weit geöffneten Mündern hinterher. Diese Reaktion hatten sie nicht erwartet – schon gar nicht von einer türkischen Frau mit Kopftuch. Bis heute weiß ich nicht, warum meine Mutter auf einen harmlosen Pfiff so empört reagiert hat. Mein Vater sagte, dass es unangemessen und respektlos sei, einer türkischen Frau nachzupfeifen und dass meine Mutter sich in ihrem anatolischen Stolz gekränkt gefühlt habe. Dabei schaute er in die Küche, in der meine Mutter am Herd stand, und lächelte sie verliebt an.

Wer uns besuchen kommt, lernt nicht nur meine Eltern kennen, sondern macht unweigerlich auch die Bekanntschaft mit ihrer orientalischen Wohnungseinrichtung. Das Wohnzimmer ist eine einzige Sofalandschaft. Mein Vater prahlt mit seinem Mercedes, meine Mutter mit ihren Couchgarnituren. Sie besitzt zwei Schlafsofas, ein Schaumstoffsofa mit drei Sitzen, ein Schaumstoffsofa mit zwei Sitzen und zwei passende Sessel in den Farben Grau und Braun mit floralem Muster. Zusätzlich steht in unserem Wohnzimmer eine beleuchtete Schrankwand mit integrierter Vitrine, dessen Glas ebenfalls ein Blumenmuster schmückt. In der Vitrine verwahrt meine Mutter Teegläser mit Goldrand, Mokkagläser mit Goldrand, Vasen mit Goldrand und Dutzende Bilderrahmen mit Goldrand, in denen Fotos unterschiedlicher Vertreter unserer umfangreichen Verwandtschaft kleben. In der vier Meter langen Schrankwand präsentieren sich drei Kaffeeservice, drei Tafelservice, Schnellkochtöpfe und mehrere Teflonpfannen.

Ich bin diese Wohnungseinrichtung so gewöhnt, dass sie mir jahrelang nicht aufgefallen ist. Erst als ich Mitte zwanzig war und hin und wieder Freunde aus meiner Parallelwelt nach Hause mitbrachte, fiel mir auf, wie stark sie sich von dem unterscheidet, was in Deutschland sonst so üblich ist. Ähnlich ist es mit dem Deutsch, das meine Eltern sprechen. Meine Mutter mag keine Konsonanten. Es fällt ihr schwer, zwei von ihnen hintereinander auszusprechen. Das liegt daran, dass sie im Türkischen sehr selten vorkommen und wenn doch, dann nur am Ende eines Wortes. Um dem Problem auszuweichen, setzt meine Mutter einfach einen Vokal zwischen die Konsonanten. Sie fährt nach „Kölün“, wohnt in „Düsburug“, ihre Töchter schauen viel zu häufig in den „Schiepigel“, unser Onkel lebt in „Schututtgart“, unsere Cousine in „Nürünberg“, ihr Sohn Mustafa soll beim Autofahren auf die „Schitarasse“ gucken und mein Vater fegt die „Schiteine“ von der Einfahrt.

Probleme bereiten ihr auch die Artikel. „Wozu sollen die gut sein?“, fragt sie mich ungehalten, wenn ich ihr erkläre, dass es „der Tisch“, „die Speisen“ und „die Freude“ heißt. Ich sage, dass Sätze sehr holperig klingen würden, ließe man die Artikel einfach weg, und gebe ihr ein Beispiel: „Wenn die Speisen auf dem Tisch stehen, ist die Freude groß.“ Im Türkischen gibt es kein grammatikalisches Geschlecht, weder männlich, weiblich noch sächlich. Meine Mutter meint, dass es Unsinn sei, aus allen Dingen Männer und Frauen zu machen, und fragt, ob sie tatsächlich nötig seien, weil sie bisher jeder verstanden hätte, wenn sie sagte: „Wenn Essen auf Tisch, alle viel freuen.“

Verglichen mit meiner Mutter hat mein Vater nur geringe Probleme mit der deutschen Sprache. „Meine Tochter immer viel arbeiten“, berichtet er seinen Nachbarn. Wenn ich versuche, meinem Vater die richtige Satzstellung beizubringen oder seine Aussprache zu verbessern, sagt er, ich soll bloß ruhig sein, weil er mir schließlich mein erstes deutsches Wort beigebracht hätte und ich es nicht ausschiprechen konnte. Ich habe anscheinend auf die Frage nach unserer Hausnummer mit „tüff“ anstelle von fünf geantwortet. Den vorsichtigen Einwand, dass ich zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war, lässt er nicht gelten.
Mein jüngerer Bruder Mustafa hat dagegen ein Problem mit der türkischen Sprache. Viele Wörter, die er häufig benutzt, kennt er nicht auf Türkisch und behilft sich mit kreativen Neuschöpfungen. Er sagt: „Arbeitsamta gitmem“ (Ich gehe nicht zum Arbeitsamt) oder: „Arzt krank yazdi“ (Der Arzt hat mich krankgeschrieben). Nachdem ich Langenscheidts Taschenwörterbuch Türkisch-Deutsch konsultiert hatte, habe ich ihn belehrt, dass er zum „Is¸çi ve Bulma Kurumu“ (Arbeitsamt) gehen solle, „ciddi bir hastalig? in olmadan rapor alarak is¸e gitmemek „ (krankfeiern) sicher nicht seine Chancen erhöhe, den Job zu behalten, und ich sowieso glaube, dass er es sich in der „sosyal hamak“, der sozialen Hängematte, verdammt gemütlich macht.

Mustafa ist neben mir das andere schwarze Schaf in der Familie. Er ist Anfang zwanzig und ein Filou, der mit Handys und Markenklamotten Geschäfte macht. Manchmal profitiere ich von seinem Handel, dann verkauft er mir etwas sehr günstig, weil ich doch seine „Schiwesta“ bin. Er ist ein Macho mit äußerst liebenswerten Seiten, und er könnte perfekt Deutsch sprechen, aber das will er nicht. Wenn ich ihn frage, wie es denn mit seiner neuen Freundin läuft, antwortet er: „Ey, hab isch mit die Schuluss gemacht.“ Dann korrigiere ich ihn: „Mustafa, das heißt, mit ihr habe ich Schluss gemacht.“ Und er sagt cool, mit einem schiefen Lächeln: „Is Määdschen, is doch die.“ Und wenn seine aktuelle Freundin vor dem Kleiderschrank steht und ihn fragt, was sie tragen soll, antwortet Mustafa bloß im Vorbeigehen: „Die Einkaufstüten.“

Mein anderer Bruder Mehmet ist angepasster und weniger draufgängerisch. Er ist gerade Ende zwanzig und eröffnete vor zehn Jahren sein erstes Computerfachgeschäft, in dem er türkischen Kunden die neue Technologie erklärte, und zwar in der Sprache, die sie auch verstanden – auf Türkisch. Mittlerweile besitzt er im Ruhrgebiet drei brummende Läden und ist der Prototyp eines erfolgreichen Türken. Gefragt nach seinen türkischen Eigenschaften, betont er seinen Ehrgeiz, seinen immerwährenden Fleiß und seine ausnahmslose Pünktlichkeit, und ich komme nicht umhin festzustellen, dass er ein wenig aussieht wie der Frauenschwarm Justin Timberlake.

Auf Eigenschaften wie Mut, Stolz und Verteidigung der Ehre, die für mich eigentlich türkisch sind, konnte ich mich bei ihm noch nie verlassen. Ganz im Gegenteil, als mein erster Freund mit mir Schluss gemacht hatte, ging ich zu meinem Bruder und befahl ihm: „Knöpf dir mal den Blödmann vor, und regle das für mich. Er hat deine Schwester gedemütigt. Du bist doch Türke! Warum passiert hier nichts?“ Er sah mich vorsichtig an und sagte: „Willst du nicht lieber noch mal mit ihm reden?“

Dann gibt es noch meine drei Schwestern. Wenn ich das Bedürfnis nach Leidenschaft und Heißblütigkeit habe, bin ich bei meiner jüngeren Schwester Fatma besser aufgehoben, die seit ihrer Hochzeit in der Türkei lebt. Meistens sitzt sie auf dem Balkon, wenn ich anrufe, und immer hat sie Zeit für mich. „Warum tust du dir das bloß an?“, fragt sie einmal mehr, wenn ich ihr von meinem stressigen Berufsleben erzähle. „Ich sitze gerade hier und trinke Tee. Mein Mann ist bei der Arbeit, die Kinder in der Schule, und nachher gehe ich zum Friseur.“ Sie trägt immer die trendigsten Frisuren, ihre Nägel sind rot lackiert, die Augenbrauen perfekt gezupft. Kurz bevor ihr Mann nach Hause kommt, geht sie rasch einkaufen, damit etwas zum Essen da ist.


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